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Unsere Buchtipps

Der Buchtipp für den August 2017, diesmal von Claudia Borst

Julius Hendricks, Be a little analog.
Thiele Verlag. 10 €


“Entschuldigen Sie, jetzt muss ich Sie doch mal fragen, was Sie da lesen”, sprach mich ein Mitreisender in der S-Bahn an und setzte sich mir gegenüber.
Das kleine Buch, in dem ich blätterte und las, hatte mich auf jeder Seite zum Schmunzeln und Lachen gebracht.
Julius Hendricks ist ein junger Autor aus der Generation der digital natives, wie es im Klappentext heißt, was einen erstaunt, denn er fordert den Leser auf jeder Seite zu fröhlich-analogem Handeln auf. Er will “dem digitalen Wahn ein Schnippchen schlagen” und unser Leben um verloren gegangene (Sinnes-) Eindrücke bereichern.
“ Öffne morgens als erstes ein Fenster, nicht Windows.”
“Führe eine nächtliche Unterhaltung, bis die Flasche leer ist, nicht der Akku deines Handys.”
“Nutze die Log-out-Funktion deines E-Mail-Postfachs. Du stehst ja auch nicht den ganzen Tag vor deinem geöffneten Briefkasten.”
Ich las dem Mitreisenden vor und wir lachten und redeten zusammen. In Feldmoching stieg ich aus und schmunzelte noch immer: das -übrigens sehr bibliophil gestaltete- Büchlein hatte seine angestrebte Wirkung erreicht. Ein unerwarteter, netter Kontakt war auf leichtfüßige Weise entstanden- ganz analog...




Der Buchtipp Juni, diesmal von Eva Schwimmbeck
Simone Buchholz: Blaue Nacht; Suhrkamp Verlag; 9,95 €

"Blaue Nacht” ist der sechste Band der Reihe um Staatsanwältin Chastity Riley, der sich auch für Einsteiger eignet, da die Protagonistin in beruflicher Hinsicht einen Neuanfang erlebt.
Im letzten Band hatte Chastity ihren Vorgesetzten der Korruption überführt, woraufhin man sie zur Opferschutzbeauftragten der Hamburger Staatsanwaltschaft degradiert hatte.
Im aktuellen Fall begegnet sie einem Österreicher, der auf brutale Weise zusammengeschlagen wurde, aber seine Identität nicht preisgeben will. Riley besticht ihn mit Alkohol und Zigaretten und entlockt ihm nach und nach seine Geschichte. Die führt sie mitten in einen Crystal-Meth-Deal im großen Stil.
Ein nasskaltes Hamburg, eine toughe Protagonistin und eine gehörige Dosis Crystal Meth – das macht den Krimi "Blaue Nacht” von Simone Buchholz aus, der Platz eins der KrimiZEIT-Bestenliste belegte.
Die Autorin begeistert mit einer sehr am gesprochenen Wort orientierten, lakonischen Sprache und aussergewöhnlichen Bildern.



Buchtipps für den Mai 2017, diesmal von Claudia Borst:

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Suhrkamp Verlag, 18 €

Eduard Louis: Das Ende von Eddy
Fischer Taschenbuch Verlag, 9,99 €

Zwei Buchtipps - (nicht nur) zur Wahl in Frankreich! Weil sie zu lesen sind wie aktuelle Schlüssel zu der verstörenden Entwicklung des Rechtspopulismus' (wiederum nicht nur) in unserem Nachbarland. Und sie werden nichts von ihrer Brisanz verlieren, seit die Wahlen dort vorüber sind.
Die Autoren beider Bücher haben viel gemeinsam: Eribon (geb. 1953) und Louis (geb. 1992) sind heute sehr anerkannte Schriftsteller und Soziologen, stammen beide aus der Arbeiterschaft in Nordfrankreich, aus offen rassistischen Familien, die früher kommunistisch waren und heute Le Pen wählen, lebten mit ihren Familien in absoluter Armut und machten beide Erfahrungen mit großer körperlicher und seelischer Gewalt in Familie und sozialem Umfeld, weil sie anders waren, sprich homosexuell wurden.
Als ganz junge Erwachsene haben sich beide mit bewundernswertem Mut und großer Willenskraft aus ihrem unerträglich gewordenen Leben herausgerissen, um sich mit Hilfe von "eiserner Dressur" (Louis) eine neue Identität in einem neu erfundenen Leben in Paris zu erarbeiten.
Formal unterscheiden sich die Texte: "Das Ende von Eddy" ist ein autubiografischer Roman, den Louis lakonisch und ohne Selbstmitleid erzählt. Oft entsetzt, immer atemlos folgt der Leser den zum Teil drastischen Schilderungen des jungen Mannes, die einem auch deshalb so nahegehen, weil man sich beim Lesen immer wieder entsetzt klarmachen muss, dass es sich um Erfahrungen eines heute 25jährigen handelt und nicht um Geschehnisse aus dem 19. Jahrhundert.
In "Rückkehr nach Reims" berichtet Eribon von seinen Besuchen bei seiner Mutter nach Jahren der Kontaktlosigkeit. Aus ihren Fotos und Erzählungen entsteht die innere Konfrontation mit seiner Herkunft, die er erinnernd niederschreibt und immer auch in den Zusammenhang der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung Frankreichs stellt. Die immer mal angefügten Ausflüge in die französische Philosophie sind für den nicht einschlägig vorgebildeten Leser eher mühsam - ich habe da etwas schneller gelesen, um wieder auf die wirklich fesselnden und erschreckenden Passagen der Lebensbeschreibung und Analyse vorzudringen.



Der Buchtipp für den April 2017, diesmal von Traudl Reinhardt:


Tom Hillenbrand: Gefährliche Empfehlungen
KiWi 2017, 9,99 €

Während der Eröffnung des Gabin-Museums in Paris verschwindet der seltene Gastroführer „Guide bleu“ aus dem Jahr 1939. Der anwesende Koch Xavier Kieffer aus Luxemburg, Hobbydetektiv, wird um Hilfe gebeten.
Als Xavier versucht, das Buch irgendwo aufzutreiben, stellt er Merkwürdiges fest: Fast alle Exemplare sind vergriffen oder wurden aus Bibliotheken entwendet, im Internet kosten sie ein Vermögen. Das Seltsame daran, nur der Jahrgang 1939 scheint derart gefragt zu sein, dass sogar dafür gemordet wird.
Als sich der französische Präsident einschaltet, wird alles sehr mysteriös. Kieffer ermittelt im Verborgenen, muss aber erkennen, dass bereits viele Unbekannte von seiner Suche nach dem 1939er wissen. Wird er abgehört? Von wem?
Während des Lesens gerät man immer wieder in eine Geschichte aus dem 2. Weltkrieg in Frankreich, Spionage-Abwehr-Resistance! Viele Fragen tauchen auf, die Kieffer in gewohnter Weise und immer mit einem leckeren Essen löst.
Spannung und Genuss sind auf wundervolle Weise miteinander verbunden. Ein tolles Buch mit Lokalkolorit!



Der Buchtipp März 2017, diesmal von Eva Schwimmbeck

Martin Suter: Elefant, Diogenes Verlag, 2017, 24 €

In einfühlsamer Weise beschreibt Martin Suter die Geschichte des kleinen rosa, noch dazu im Dunkeln leuchtenden Elefanten.
Er ist das Geschöpf des geldgierigen Genforschers Dr. Roux, der mit der Züchtung leuchtender Haustiere als Luxusspielzeug den großen Gewinn machen möchte.
Da zum Glück genügend Menschen in dem Mini-Elefanten mehr als nur ein Produkt sehen, gerät er über Umwege in den Unterschlupf des Obdachlosen Schoch. Dieser hat sich neun Jahre zuvor von seinem bürgerlichen Leben verabschiedet und ganz dem Alkoholkonsum verschrieben, verliebt sich jedoch auf Anhieb in das kleine, geschwächte Tier und kümmert sich rührend. Er findet eine Verbündete in der Tierärztin Valerie Sommer. Gemeinsam mit dem burmesischen Elefantenführer Kaung versuchen sie, den kleinen Elefanten vor seinem gierigen Züchter zu retten.
Im Verlauf der Geschichte wird man immer neugieriger darauf, was es mit dem Elefanten auf sich hat. Zugleich hofft man, dass er nicht (erneut) den falschen Personen in die Hände fällt. Gebannt verfolgt der Leser das Geschehen in der Hoffnung auf ein gutes Ende.
Eine wunderbare und packende Geschichte, die sich zu lesen lohnt.



Der Buchtipp für den Februar 2017, diesmal von Kai Klindt:

Martin Mosebach: Mogador
Rowohlt Verlag, 2016, 22,95 €

Ein Krimi aus der Feder von Martin Mosebach? Wohl nicht ganz, aber der große Erzähler überrascht seine Leser doch mit einer ungewohnt spannungsgeladenen Geschichte um Betrug, Flucht und Verstecken, deren Sog man sich schon auf den ersten Seiten schwer entziehen kann.
Patrick Elff ist ein hoffnungsvoller junger Mann aus der Frankfurter Bankenwelt, der es dank Intelligenz und Geschmeidigkeit schon früh zu einer Führungsposition gebracht hat. Als sich einer seiner engsten Mitarbeiter das Leben nimmt, stellt die Polizei Nachforschungen an. Betrügerische Machenschaften, windige Firmenkonstruktionen zum Zweck der Steuerflucht und Geldwäsche werden offenbar.
Elff verliert schon nach dem ersten Verhör die Nerven und setzt sich nach Marokko ab, der Heimat eines seiner zwielichtigen Geschäftspartner, von dem er sich Hilfe in der Not verspricht. Der gescheiterte Finanzjongleur landet in einer heruntergekommenen Absteige in der Hafenstadt Mogador, inmitten einer Welt von Wahrsagerinnen, Kleinkriminellen und Prostituierten.
Mosebach skizziert ein farbiges, dichtes Porträt des Milieus, mit erkennbarer Sympathie für seine Figuren, jedoch ohne in Klischees abzugleiten. Diese kulturelle Distanz zwischen dem kühlen, allerdings auch etwas naiven Frankfurter Bürgersohn und seinen orientalisch-vieldeutigen marokkanischen Bekanntschaften treibt die Geschichte voran – neben dem Verfolgungsdruck, dem sich Patrick Elff unentwegt ausgesetzt fühlt.
Martin Mosebach erweist sich auch in diesem Roman als glänzender Stilist. Da ist es nebensächlich, dass sein sprachlicher Eigensinn – „Sopha“, „daß“ – der reformierten Rechtschreibung beharrlich trotzt.
Mit rund 370 Seiten ist sein neues Werk recht übersichtlich geraten. Dies und das besondere Spannungsmoment der Handlung machen „Mogador“ zu einer Empfehlung für Mosebach-Einsteiger.



Der Buchtipp für Januar, diesmal von Claudia Borst:

Navid Kermani: Sozusagen Paris
Hanser Verlag 2016, 22,- €

Welche Gefühle stellen sich bei Ihnen ein beim Gedanken an Paris? Eine Sehnsucht nach der großen Welt? Nach dem Gegenteil von Langeweile und Pflichterfüllung? Lebensgier?
Navid Kermanis Roman spielt mit diesem Klischee, das durch viele große französische Romane des ausgehenden 19. Jahrhunderts gespeist wurde – bei Proust, Stendhal, Balzac, Flaubert und Maupassant geht es um die Träume junger Frauen aus der Provinz, die sich aus ihrem tristen Eheleben heraussehnen.
“Für Jutta bin ich sozusagen Paris”, bildet sich der Erzähler ein, ein Schriftsteller, der auf einer seiner Lesereisen durch die Provinz unerwartet seine große Liebe von vor 30 Jahren vor sich stehen sieht. Pikanterweise ist sie die Hauptperson des Romans, aus dem er gerade gelesen hat. Auch er, der Erzähler, ist Opfer dieses Klischees, denn er glaubt, er müsse Jutta aus dem Gefängnis ihrer Ehe befreien und phantasiert sich schon ein lang ersehntes Wiederaufflammen ihrer Liebe, als er nach der Lesung mit zu ihr nach Hause geht.
Aber es kommt anders - und der Autor Kermani unterhält sich darüber immer mal wieder auch mit uns, seinen Lesern, und erinnert sich oft an Passagen aus der Literatur, um zu verstehen, was sich abgespielt hat in Juttas Eheleben und auch in seiner geschiedenen Ehe. Ganz schön verwirrend? Ja, manchmal schon, aber auch wirklich anregend.
Und auch zum Schmunzeln, wenn der Autor mit iranischen Wurzeln, der in einer deutschen Kleinstadt aufgewachsen ist, z.B. Bemerkungen über seine Lesereisen macht wie: ”Mit einem wie mir hat das Kulturamt zugleich die Integration abgebucht”.
Das Echo auf diesen Roman ist übrigens wegen der langen Zitate vor allem aus Prousts Romanen und der sich daneben angeblich trivial ausmachenden Schilderung von Juttas Eheleben z.T. kritisch. Andere – und dazu gehöre ich - schätzen die Vielschichtigkeit dieses Romans und seiner Reflexionen über das weite Thema, was von der Liebe und ihren Sehnsüchten bleibt nach langen Ehejahren.
Der 1967 geborene Autor hat zahlreiche Romane und Erzählungen, sowie Sachbücher und Essays veröffentlicht. Er wird seit seinen Reden vor dem Deutschen Bundestag 2014 und bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche im Herbst 2015 von den Medien in der Rolle des öffentlichen Intellektuellen gesehen und wurde als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten ins Gespräch gebracht.



Der Buchtipp für Dezember, diesmal von Traudl Reinhardt:

Karin Kalisa: Sungs Laden, C.H. Beck Verlag, 19,95 €
Droemer Knaur, 9,99 €, ab Januar 2017
Karin Kalisa erzählt mit Wärme, Witz und Freude an kleinen Wundern von traumhaften Verwandlungen im Berlin unserer Tage.
Ausgehend vom kleinen vietnamesischen Laden des Archäologen Sung nimmt eine Völkerverständigung der ganz anderen Art ihren Lauf. Urberliner und Nachkommen der vietnamesischen Vertragsarbeiter verbünden sich in einer spielerischen Alltagsrevolution: Brücken aus Bambus spannen zwischen den Häusern, Parkwächter tragen Kegelhüte, auf Brachflächen grünt exotisches Gemüse und ein Zahnarzt macht Sonntagsdienst für Patienten aus Fernost.
Das Unglaubliche geschieht. Gute Laune herrscht in der Stadt!
Eine Utopie einer Gesellschaft, die Integration schafft, wie wir sie uns alle wünschen.



Der Buchtipp für den November 2016, diesmal von Eva Schwimmbeck:
Elisabeth Raether: Die trinkende Frau, Piper Verlag 2016, 14 €
Das Buch vereint Kolumnen der Journalistin und Autorin Elisabeth Raether, die zum Teil bereits im Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlicht wurden und widmet sich einem Thema, das nach wie vor etwas mit "Tabu" zu tun hat. Frauen und Rausch begegnet man immer noch mit einer gewissen Zurückhaltung oder Bemäntelung.
Der Fokus liegt aber nicht allein auf dem Trinkverhalten von Frauen, sondern erzählt auf erfrischend leichte Weise von amüsanten genauso wie nachdenklich stimmenden Begebenheiten und Beobachtungen der Autorin.
In den einzelnen Anekdoten geht es mit unverstelltem Blick um Themen wie die Rolle der Frau, Älterwerden, Gesundheitswahn, Abhängigkeiten oder Schamgefühl, um nur einige zu nennen. In der ein oder anderen Szene kann man sich vielleicht auch sehr gut wiederfinden.
Die Autorin verzichtet auf jegliche Moralisierung und muss keine Sache verfechten, was Perspektivenwechsel zulässt. Die Erzählweise ist fernab jeglicher Etikette (nicht nur in Bezug auf das Trinken), was einem vergnügliche sowie auch tiefsinnige Lesemomente verschafft.
Ein gewisses Plädoyer ergibt sich dann vielleicht doch: dass es durchaus legitim ist, unperfekt zu sein und sich eine Auszeit von gesellschaftlichen Anforderungen zu nehmen. Abschließend dazu ein Zitat der Autorin:
"Warum soll man sich die Dinge nicht schön trinken, wenn sie hässlich sind?", fragt sie. "Man kann vieles sowieso nicht ändern."



Der Buchtipp für Oktober 2016, diesmal von Annika Stanitzok (17):


Derek Landy: Demon Road – Hölle und Highway
Aufbau Hardcover, 2016, 19,95 €

Nach Skulduggery Pleasant erscheint nun die zweite Serie von Derek Landy in Deutschland. Diesmal sind es keine Skelettdetektive und Magier, sondern waschechte Dämonen, die sich die Hauptrolle unter die Klauen gerissen haben.
Der erste Band von Demon Road erzählt die Geschichte von Amber, einer 16-jährigen Jugendlichen, deren Eltern eines Tages feststellen, dass sie doch ein hervorragendes Abendessen abgeben würde. Warum? Nur so können diese ihre dämonischen Kräfte wieder aufladen und ihren Pakt mit dem gefährlichsten Wesen der Hölle einhalten. Aber zu deren Bedauern hat Amber so überhaupt keine Lust, sich auffressen zu lassen. Das ist der Beginn einer spannenden Verfolgungsjagd einmal durch die USA. Und weil normale Straßen viel zu unsicher sind, findet sie auf der Demon Road statt, einem dunklen Straßennetz, das alles, was Schauer und Magie hat, miteinander verbindet. Vampire, Hexen, untote Serienkiller und einiges mehr. Dadurch wird Amber auch langsam klar, welche teuflischen Kräfte in ihr schlummern und sich nun nach und nach bemerkbar machen…

Wegen Derek Landys unvergleichlichem Humor, einer spannenden Handlung und einem Hauch von dunkler Magie ist Demon Road – Hölle und Highway ein vielversprechender Start in seine neue Fantasy-Serie. Mir hat es unglaublich viel Spaß gemacht, Amber auf der Demon Road zu begleiten und ich kann es gar nicht abwarten, dass es endlich weitergeht.



Buchtipp für den September 2016, diesmal von Claudia Borst


Brooke Davis, Noch so eine Tatsache über die Welt. Verlag Antje Kunstmann 2015. € 19,95



Lost and Found, der englische Originaltitel dieses Erstlingsroman der jungen australischen Schriftstellerin Brooke Davis, bringt es auf den Punkt, worum es hier geht: drei einander fremde Personen, jede nach der Erfahrung eines schrecklichen Verlusts auf ihre Weise trauernd, finden zu einander und zu einem neuen Leben. Und das, obwohl sie und ihre Biographien unterschiedlicher nicht sein könnten.



Auslöser und Antrieb für ihre Begegnung ist die Geschichte der 7-jährigen Millie, die erst ihren geliebten Dad verliert und dann von ihrer Mutter in einem Kaufhaus „zurückgelassen“ wird. Es entwickelt sich daraus eine streckenweise wirklich abstruse Abenteuergeschichte zwischen Millie und zwei sehr schrägen alten Menschen: einem alten Mann, der nach dem Tod seiner innig geliebten Frau nicht in dem Altenheim bleiben will, in dem ihn der Sohn untergebracht hat, und einer alten Nachbarin von Millie, die sich nach dem Tod ihres Mannes in ihrem Haus verschanzt hat und alles Leben um sie herum bitterböse kommentiert.



Das alles erinnert an den Bestseller-Roman des Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand : auch hier passiert viel Verrücktes, Unkonventionelles, zum Teil Urkomisches. Aber alles bleibt doch in einer tiefen, wenn auch versteckten Menschlichkeit gleichsam geerdet. Durch die Begegnung mit der kindlich-naiven, aber klugen Millie können die beiden Alten- jeder für sich- ihre Lebenserfahrungen korrigieren und sich selbst und allen dreien damit guttun.



Ein Roman, der vorsichtig positiv endet und manche Sätze enthält, die man behalten möchte.



Der Buchtipp für den August 2016, diesmal von Traudl Reinhardt:

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Flut
Kiepenheuer & Witsch 2016; € 14,99

Ausgerechnet am Tag nach der keltischen Sommersonnenwende steht Kommissar Dupin bis zu den Knöcheln in Fischabfällen. In der Auktionshalle von Douarnenez liegt die Leiche einer jungen Fischerin von der Ile de Sein und bald darauf wird eine tote Forscherin entdeckt. Unter Hochdruck ermittelt Dupin im äußersten Westen der Bretagne.
Werden die alten Schmugglerrouten auf dem Atlantik wieder befahren? Gibt es Beweise für illegale Aktivitäten im Parc Iroise, dem einzigartigen maritimen Naturschutzgebiet, wo Delfine und Wale zu Hause sind? Und was ist von den Mythen des Meeres zu halten, von denen die stolzen Insulaner erzählen?
Die Erfolgsgeschichte geht weiter - mit der „Bretonischen Flut“ erscheint der fünfte Fall für Kommissar Dupin. Eigentlich hat er die Nase voll von den Ermittlungen auf dem Atlantik. Doch er und sein Team setzen alles daran, den Fall schnellst möglichst zu lösen, denn die eingeschworenen Inselbewohner machen die Ermittlungen nicht einfacher.



Der Buchtipp für den Juli 2016 diesmal von Christine Klindt-Schuster:

Nic Pizzolatto: Galveston
Blanvalet Verlag, 2016, 8,99 €

Bevor Nic Pizzolatto mit seiner Serie „True Detective“ berühmt wurde, hat er einen Krimi im Stil des „Film Noir“ geschrieben.
Der in den 1980er Jahren in Louisiana angesiedelte Krimi erzählt die Geschichte von Roy Cady, einem Auftragskiller und Geldeintreiber. Das Leben von Roy ändert sich drastisch, als er von einem Arzt die Diagnose Lungenkrebs erhält. Hinzu kommt, dass er von seinem Auftraggeber aus Eifersuchtsgründen in eine Falle gelockt wird, um selbst getötet zu werden. Schließlich gelingt ihm nach dem Massaker in einem Bordell die Flucht zusammen mit der jungen Prostituieren Rocky. Auf dem Weg nach Texas sammeln sie noch Rockys kleine Schwester Tiffany ein. Schließlich stranden die Drei in einem heruntergekommenen Motel in Galveston, einem kleinen Nest an der texanischen Küste. Eine Welt, in der keiner keinem traut – und die Form der Ich-Erzählung sorgt rasch dafür, dass es auch dem Leser so geht.
Mehr soll nicht verraten werden, nur noch so viel, dass der Roman in zwei Zeitebenen spielt, in den 80iger und in den 2000er Jahren, als Cady, immer noch am Leben, ein mehr schlechtes als rechtes Dasein führt.
Ein phantastisch erzähltes Roadmovie, düster und stimmungsvoll.



Der Buchtipp für den Juni 2016 vom Echinger Bücherladen, diesmal von Claudia Borst:

Ernest van der Kwast: Die Eismacher
btb 2016, € 19,99

Ist es verwunderlich, dass mich dieser neu erschienene Roman sofort angezogen hat? Schließlich liegt unsere Buchhandlung neben dem Eiscafé Vaniglia, und Alessandro und Carlotta hatten uns gerade mitgeteilt, dass sie demnächst ein Eis-Menü anbieten wollten und so meine Neugier auf neue Eissorten und den Roman auf der Stelle geweckt...
Beides hat mich nicht enttäuscht: die überraschenden Gänge des Eis-Menüs nicht (probieren Sie unbedingt das Safraneis!) und der Roman nicht. Auch er hat mich überrascht: er ist thematisch viel komplexer, als ich es erwartet hatte.
Es ist einerseits eine wirklich gelungene Mischung aus einer Familiengeschichte von italienischen Eismachern mit sehr starken und fesselnden Charakteren aus vier Generationen und andererseits einem hohen Sachbuchanteil über die Entwicklung und Tradition des Eismachens in den südöstlichen Dolomiten, die sich von dort in die Länder Mitteleuropas ausbreitet.
Und als dritter Strang kommt ganz unerwartet die Welt der Literatur, der Poesie, hinzu. (Sie verstehen, warum ich Ihnen den Roman empfehle?)
Die älteste Generation der Familie Talamini, die uns vorgestellt wird, lebte zur Zeit des Baus des ersten (!) Tunnels durch das St. Gotthard-Massiv um 1880. Der Urgroßvater des Ich-Erzählers "erntete" zum ersten Mal Eis und Schnee hoch in den Dolomiten, um beides auf Eisenbahnwaggons zu schaufeln, die zur Herstellung von Speiseeis nach Wien fuhren.
Die euphorischen Berichte über den Geschmack dieses unbekannten Genusses entfachten die - halb erotische - Leidenschaft des jugendlichen Urgroßvaters für das Speiseeis und damit war der Grundstein einer Tradition gelegt, die für die nachfolgenden Generationen absolut zwingend war und keine anderen Leidenschaften zuließ: der des Eismachens.
Während der Vater seine Erfinderträume noch der Familientradition opferte, lebt der Erzähler seine Leidenschaft für die Poesie und die Frauen aus, wird aber von Vater und Bruder dafür als Verräter empfunden. Er kann sich von seinen Schuldgefühlen nie wirklich befreien und muss einen hohen Preis für seine Lebensentscheidung zahlen.
"Die Eismacher" ist der dritte Roman des jungen indisch-holländischen Autors und in den Niederlanden ein großer Bestseller. Seine sehr lebendige Vorstellung des Romans in München hat sein zahlreiches Publikum und mich überzeugt.
Vielleicht gelingt es ja, im Sommer noch eine Lücke in seinem Terminkalender zu finden und ihn zu einer Lesung ins Eiscafé Vaniglia zu holen?



Der Buchtipp für den Mai 2016 vom Echinger Bücherladen, diesmal von Kunde Kai Klindt:

Jean-Philippe Blondel: 6 Uhr 41
Goldmann Verlag, € 8,99

Im Vorortzug nach Paris. Der Zufall macht Cécile Duffaut und Philippe Leduc zu Sitznachbarn. Sie sind beide Ende 40, kommen aus derselben Kleinstadt in der Champagne – und waren vor 27 Jahren für wenige Monate ein Paar. Eine Demütigung, ein im Grunde unverzeihlicher faux pas von Philippe hat dem jungen Glück damals ein Ende gesetzt.
Das liegt nun ein halbes Leben zurück, in dem man sich erfolgreich aus dem Weg gegangen ist. Beide haben sich eingerichtet, die Neu-Unternehmerin Cécile augenscheinlich mit mehr Erfolg als der Fernsehverkäufer Philippe, der in der Provinz hängengeblieben ist.
Blondels schmaler Roman bezieht seine Raffinesse aus der Situation: Cécile und Philippe sitzen schweigend nebeneinander, rätseln, ob der andere sie wohl erkennt, lassen ihr Leben im Kopf Revue passieren. Und stellen sich immer wieder die eine große Frage: Soll man den Sitznachbarn ansprechen?
95 Minuten dauert die Fahrt zum Pariser Gare de l’Est, und das ist auch exakt die Erzählzeit des Romans. Die Stärke des Romans liegt in der Spannung, die der Text bis zum letzten Satz hält. Nebenbei erzählt Blondel, der seine Figuren mit viel Sympathie zeichnet, auch die Geschichte einer Sandwichgeneration: eingeklemmt zwischen den ins Leben tretenden Kindern (denen sie immer fremder werden) und den mehr und mehr auf Hilfe angewiesenen Eltern.
Eine ebenso unterhaltsame wie anregende Lektüre.



Der Buchtipp für den April 2016 vom Echinger Bücherladen, diesmal von Eva Schwimmbeck:

Elizabeth von Arnim: Verzauberter April
Insel Verlag 2013; 10 €

Bereits 1922 erschien dieser Roman über vier englische Frauen, die unterschiedlicher in Wesen, Alter und Herkunft kaum sein könnten. Da gibt es zum einen Mrs. Wilkins, die ihr Dasein an der Seite eines Ehemanns fristet, dem es schon ausreicht, abends eine warme Mahlzeit vorgesetzt zu bekommen. Mrs. Arbuthnot , ebenfalls von der Ehe enttäuscht, verwendet all ihre Energie auf Armenfürsorge und die Kirchengemeinde. Dazu gesellt sich noch die junge schöne Lady Caroline Dester, die sich vor Männern kaum retten kann und alles daran setzt, diesem "Angebetetwerden" zu entkommen. Die Vierte im Bunde ist die um viele Jahre ältere Mrs. Fisher, äußerst griesgrämig, verschlossen und vom Leben enttäuscht.
Über eine Zeitungsannonce zur gemeinsamen Anmietung eines Schlosses in der Toskana für einen Monat treffen sie aufeinander. Dabei entflieht jede einem mehr oder weniger trostlosem Alltagsdasein und die traumhafte Kulisse fernab allem Gewohnten entfaltet ihre Wirkung. Sie erleben jede auf ihre Weise eine Selbstentdeckungsgeschichte, die die Autorin mit großer Leichtigkeit vermittelt und einen durchgängig zum Schmunzeln bringt. Dabei mangelt es dem Roman nicht an Scharfsinn oder Tiefsinnigkeit und man erlebt mit diesen Damen einen wahrhaft zauberhaften April.
Dieses Lesevergnügen wurde 1991 auch verfilmt, und im Laufe dieses Jahres werden weitere Romane der Autorin im Insel Verlag neu aufgelegt.



Der Buchtipp für den März 2016 vom Echinger Bücherladen, diesmal von Traudl Reinhardt:

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Kiepenheuer & Witsch 2015, 21,99 €

Meyerhoff erzählt von seiner Zeit als Schauspielschüler in München, von Stimmübungen, Singstunden und seltsamen Improvisationsübungen. Bei manchem scheitert er schrecklich, aber auch urkomisch.
Dies ist nur die eine Erzählebene, denn zur gleichen Zeit zieht er in das Haus seiner Großeltern. Diese leben in einer Villa am Nymphenburger Schloss, hochherrschaftlich und nach ganz und gar eigentümlichen Ritualen.
Beide Situationen sind absurd und von rührender Komik. Die Großmutter war selbst Schauspielerin, sie ist eine wunderschöne und exzentrische alte Dame, der Großvater ein erzkatholischer emeritierter Philosophieprofessor. In ihrem Ruhestand zelebrieren sie strenge Rituale, die nicht zuletzt mit viel Alkohol verbunden sind. Vor dem Frühstück Champagner, zu Mittag Weißwein, um 18 Uhr Whiskey, dann Rotwein. Dabei werden tiefgehende Gespräche geführt.
Eine Welt, die vielen fremd und geradezu literarisch erscheint, die aber, sowie Meyerhoff darauf schaut, viel Situationskomik birgt und rührend ist, wie diese beiden Menschen miteinander und mit ihrem Enkel umgehen.
Meyerhoff schreibt mit großer Zuneigung und Liebe über diese Großeltern, die natürlich nicht mehr sind und schafft sich so sein eigenes Ritual, dieser Toten zu gedenken.



Der Buchtipp für den Februar 2016 vom Echinger Bücherladen, diesmal von Claudia Borst:

Rudolf Hauke: Der fremde Tropfen in meinem Blut
Die Geschichte einer erfolgreichen Therapie bei einer Krebserkrankung
Book on Demand 2015, € 11,90

Dieser Buchtipp stellt das Tagebuch eines inzwischen in Eching lebenden Autors vor, der fast ein Jahr lang seine Therapie aufzeichnet, nachdem seine Krebserkrankung 2014 zum 3. Mal zurückgekehrt war.
Man legt das Buch ungern vor der letzten Seite aus der Hand, empfindet es als spannend, obwohl die geschilderten Abläufe seines zunehmend auf die Krankheit und ihre Notwendigkeiten fixierten Lebens sich oft wiederholen. Aber der Autor erlebt sie eben nicht immer gleich, je nachdem, in welcher Therapiephase und Verfassung er gerade ist, und der Leser kann sich dank der Offenheit und des schnörkellosen Stils des um seine Rückkehr in die Normalität kämpfenden Patienten sehr gut in seine wechselnden Seelenlagen hineinversetzen.
Man bewundert seine selbstverständlich wirkende Disziplin, die ihn, so oft es geht, zu Bewegung an der frischen Luft führt und Selbstmitleid fernhält, und man wünscht dem Tagebuchschreiber während der Lektüre, dass seine optimistische Grundeinstellung "belohnt" wird - so irrational ein solcher Wunsch auch sein mag...

Im Sommer letzten Jahres wurde der Autor als geheilt entlassen, und er wird auf der 2. Echinger Gesundheitsmesse am 21. Februar 2016 im Bürgerhaus aus seinem Tagebuch lesen.



Der Buchtipp für den Januar 2016 vom Echinger Bücherladen, diesmal von Claudia Borst:

Nina Sahm: Das letzte Polaroid
Aufbau Taschenbuch, 2015, 9,50 €

Eine psychologisch interessante Coming-of Age-Geschichte, erzählt von Anna, einer 24-jährigen Münchenerin, die als 14-Jährige im Sommerurlaub am Balatonsee ein gleichaltriges ungarisches Mädchen kennenlernt, deren Andersartigkeit sie magisch anzieht. Der "Feger" Kinga scheint in der "braven" Anna eine bisher nicht gelebte Sehnsucht zu wecken.
Die intensive Freundschaft, die sich in ihren Briefen und einem Besuch Kingas in München entwickelt, bestimmt ihrer beiden Leben - bis zu einem vom Leser lang erwarteten Höhepunkt, an dem er - der Roman endet hier - aufgefordert ist, sich vorzustellen, wie Annas Leben wohl nach all ihren Erlebnissen und Erkenntnissen weitergehen könnte... Ist ihre Freundschaft stärker als ihre neue Liebe, und wie tragfähig ist ihre eigene Veränderung?
Interessant fand ich, neben der spannenden inneren Entwicklung der Ich-Erzählerin, die Einblicke in die politisch-soziale Situation Ungarns zu Beginn von Orbans Aufstieg.



Der Buchtipp für den Dezember 2015, diesmal von Kai Klindt

Philip Kerr, Wintertransfer
Tropen Verlag 2015
€ 14,95

Ein Fußballkrimi auch für die, die mit Bundesliga, Champions League oder Europameisterschaft so gar nichts anfangen können. Wintertransfer, das sind jene vier Wochen von kurz vor Weihnachten bis Mitte Januar, in denen die britischen Spitzenclubs ihre Spieler austauschen können – eine Zeit des dicken Geschäfts und des schlechten Wetters, in der Autor Philip Kerr seinen Helden und Ich-Erzähler Scott Manson auf Tätersuche schickt.
Manson ist Co-Trainer von London City. Das ist einer jener in den vergangenen Jahren emporgekommenen Fußballclubs, die Existenz und sportlichen Erfolg im Wesentlichen den Milliarden osteuropäischer Oligarchen oder anderer zwielichtiger Geldaristokraten verdanken. Stunden vor einem entscheidenden Spiel verschwindet Joao Zarco, Mansons ebenso egomanischer wie charismatischer Vorgesetzter, von der Bildfläche und wird bald darauf tot in einem Betonschacht des heimischen Stadions gefunden. Mord oder Selbstmord? Club-Mäzen Viktor Sokolnikow misstraut der Polizei – genauso wie diese vermutlich ihm – und setzt Manson nicht nur als neuen Cheftrainer, sondern gleich auch als Privatdetektiv ein. Die Recherchen führen mitten hinein in die Welt des überkommerzialisierten Fußballs, die durch spektakuläre Stadionneubauten von Stararchitekten, durch Korruption und Schiebereien und durch eine penetrante Medienmeute gleichermaßen gekennzeichnet ist. Der Reiz des Buches liegt nicht nur in der subtilen Spannung, die Philip Kerr aufbaut, ohne dem Leser blutrünstige Szenen zuzumuten oder den Fall in einem effekthaschenden Showdown auslaufen zu lassen. Auch die Figur des Scott Manson zählt zu den Stärken des Romans. Kerr skizziert seinen Protagonisten und Aufklärer gegen jedes Klischee eines Fußballtrainers, einst als Opfer eines Justizirrtums inhaftiert, später mit zwei Hochschulabschlüssen zum Intellektuellen auf dem Platz avanciert, der bei passender Gelegenheit Aristoteles zitiert. Ja, auch Manson hat mit dem Ballsport seine Millionen gemacht, aber über allem steht bei ihm doch wohl dies: die Liebe zum Fußball.



Der Buchtipp für den November 2015, diesmal von Eva Schwimmbeck

Wallace Stroby, Kalter Schuss ins Herz
Pendragon Verlag 2015
€ 15,99


Im Mittelpunkt dieses Kriminalromans steht Crissa Stone. Sie hat Raubzüge zu ihrem Beruf gemacht, dennoch träumt sie von einem ruhigeren Leben mit ihrer kleinen Tochter. Dieser Traum bleibt tief in ihrem Inneren verborgen, denn sie macht sich bezüglich der Realität nichts vor, handelt in allem sehr überlegt und lässt sich von nichts beirren...


Das zentrale Ereignis ist der Überfall auf eine Pokerrunde, den sie mit zwei Partnern verübt und bei dem nicht alles so verläuft wie geplant, was wiederum weitreichende Folgen für alle Beteiligten haben wird...
Mehr zur Handlung will ich natürlich nicht verraten!


In diesem Stück Kriminalliteratur geht es weder um verstrickte Ermittlungsarbeit, noch stößt man auf außerordentliche Wendungen oder allzu große Überraschungsmomente. Wir befinden uns im Gangster-Milieu und begegnen Außenseitern der Gesellschaft, die das Gesetz missachten und sich allesamt auf die eine oder andere Art durchschlagen.

Der Autor erspart uns überflüssige Dialoge und weitschweifige Beschreibungen. Mit schnellem und präzisem Stil und Verzicht auf Plattitüden schafft er es, dass man einfach Seite für Seite weiterblättern muss...

Ich schließe mich dem Autor, der als Polizeireporter bei einer Zeitung arbeitete, im Folgenden an: "Crissa hat ebenso männliche wie weibliche Leser. Frauen mögen sie, weil sie ein starker Charakter und eben kein Opfer ist. Die männlichen Leser schätzen die Crissa-Romane als gut-erzählte, vorwärtstreibende Geschichten."

Und das Beste zum Schluß: dieses Buch ist erst der Auftakt, es werden weitere Auftritte von Crissa Stone folgen.



Der Buchtipp für den Oktober 2015 vom Echinger Bücherladen‚ diesmal von Claudia Borst:

David Leavitt: Späte Einsichten
Hoffmann und Campe. Sept. 2015, € 20,-

Was geht in Menschen vor, die Hals über Kopf ihr gewohntes Leben aufgeben müssen, in ihrer Flucht tagelang ausgebremst und unsicher sind, wie es in ihrem Leben weiter geht? Nein, es handelt sich hier nicht um einen literarischen Beitrag zur aktuellen Situation in Europa, wenn auch das Thema dieses 2013 in New York erschienenen und jetzt ins Deutsche übersetzten Romans die Lektüre für uns noch intensiver und lohnender macht, als sie es ohnehin wäre...
Der Autor legt Wert auf einen realen geschichtlich-geographischen Rahmen: er stellt seinem Roman einen Stadtplan von Lissabon voran, auf dem die wichtigen Orte der Handlung markiert sind, und beschließt ihn mit einer Danksagung und dem Nachweis der Textquellen, deren er sich bedient hat bei seiner Recherche zur Situation von Lissabon im Sommer 1940.
Die Hotels sind voll belegt mit europäischen Juden, die vor der Verfolgung der Nazis fliehen und auf ein Ticket für eine Überfahrt nach Amerika auf einem der viel zu kleinen Dampfer hoffen, die ihnen zur Verfügung stehen. Eine zweite Gruppe Wartender sind Amerikaner aus ganz Europa auf der Flucht vor den Kriegswirren, die auf der riesigen "Manhattan", auf der nur amerikanische Staatsbürger zugelassen sind, eine Rückkehr in die USA gebucht haben,
Für die Juden ein angstvoller Wartezustand, aber für alle ein seltsamer Schwebezustand zwischen einer Vergangenheit, die abrupt beendet werden musste, und einer absolut ungewissen Zukunft, die mit großen Sehnsüchten und auch Ängsten befrachtet ist. In diesen kurzen Tagen einer Gegenwart, die sich für die Betroffenen seltsam bodenlos anfühlt, weil sie keine wirkliche Gegenwart, sondern eher eine Zwischen-Zeit ist, in der alte Sicherheiten verloren gegangen sind, spielt die Handlung des Romans.
Zwei sehr unterschiedliche amerikanische Ehepaare mittleren Alters lernen sich in einem Café kennen. Wie unter einem Brennglas beginnen bisher kontrollierte Problemherde in kürzester Zeit in Brand und damit ihr Leben dramatisch aus den Fugen zu geraten. Erst nach dem Ablegen der "Manhattan" können sich drei von ihnen ein neues Leben mit neuen Sicherheiten schaffen.



Der Buchtipp für den Juli 2015‚diesmal von Traudl Reinhardt:

Bernd Schroeder: Wir sind doch alle da
Hanser Verlag, € 18,90

Anfangs sind sie alle da – Bennys Familienmitglieder, Freunde und Bekannte.
Benny liegt nach einer Gasvergiftung im Koma und alle, die ihm nahe standen, kommen hier vorbei, kommen zu Wort. Dabei wird deutlich, dass es der Familie schon lange nicht mehr um Benny geht, um die Menschen, die lange nichts mehr miteinander zu tun gehabt haben. Es brechen alte und neue Konflikte auf, zeigen sich alte Kämpfe und neue Eifersüchteleien.
Wer ist für Benny, der am Ende erwacht, noch wirklich da? Das Platzen der Lebenslügen wird seinen Preis haben.

Bewegend, mit raffiniertem Humor und feiner Ironie schreibt Bernd Schroeder über die Menschen, die keiner sich aussucht, die aber für jeden das Leben bestimmen. Hier trifft der Autor das, worüber er schreibt, so präzise, dass man es einfach nicht stimmiger schreiben kann.
Ein lesenswerter und sehr unterhaltsamer Roman über eine Familie, der es nicht gelingt, sich neuen Realitäten zu öffnen, und die uns lehrt, wie man alles falsch macht, mit viel Raum für eigene Überlegungen!



Der Buchtipp für den Mai 2015‚ diesmal von Leserin Cahora (15):

Lauren St. John: One Dollar Horse
Verlag Freies Geistesleben 2015, € 17,90

Casey Blue hat einen großen Traum: Gewinnerin der "Badminton Horse Trials", des berühmtesten Vielseitigkeitsturniers der Welt, zu werden. Noch gibt es aber zahlreiche - große und kleine - Hindernisse, die ihr die Erfüllung erschweren...
Einmal wäre da ihr Vater mit seiner kriminellen Vergangenheit, weshalb es der Familie auch an Geld fehlt und Casey an einem ordentlichen Reitstall und einem geeigneten Pferd. Doch Letzteres ändert sich schlagartig, als sie einen heruntergekommenen jungen Hengst vor dem Schlachter rettet und für den symbolischen Preis von einem Dollar freikauft.
Dieses Pferd ermöglicht ihr, ihrem Traum immer näher zu kommen, trotz der skrupellosen Turnierkonkurrenz und auch trotz der muskulösen Oberarme eines Hufschmiedlehrlings, die sie ganz schön aus dem Konzept bringen... Wird es das Dreamteam dennoch zum Turnier schaffen?
Meiner Meinung nach ist das Buch eines der „typischen Pferdebücher“, die alle mehr oder weniger das gleiche Handlungsmuster haben. Dieser Roman zeichnet sich jedoch durch so manch unerwartete Wendung und außergewöhnlich umfassendes Fachwissen über Turniere und Vielseitigkeit aus, das man durchs Lesen vermittelt bekommt. Ein guter Schreibstil und Spannung bis zum Schluss machen „One Dollar Horse“ zu einem lesenswerten Buch.



Der Buchtipp für den April 2015‚ diesmal von Gabriele Oberdorfer:

Lukas Hartman: Abschied von Sansibar
Diogenes Taschenbuch, 2015, € 11,90

Lukas Hartmann, der sich mit historischen Romanen einen Namen gemacht hat, die nicht nur in der Vergangenheit verweilen, sondern auch immer einen Bezug zu aktuellen Themen der Gegenwart aufzeigen, erzählt in ‚Abschied von Sansibar‘ die wahre Geschichte der Emily Ruete, geboren als Salme bint Said 1844, als Tochter des Sultans von Oman und Sansibar.
Als Vorlage für diesen Roman dienten die 1886 erschienen ‚Memoiren einer arabischen Prinzessin‘ und der in einzelnen Auszügen den Kapiteln vorangestellte Brief an den Bruder Emily Ruetes, den Sultan Bargash von Sansibar.
Emily/Salme, als Prinzessin privilegiert und unbeschwert aufgewachsen, besaß eigene Ländereien, die sie verwaltete und bewirtschaftete, kann schreiben, lesen, reiten und schießen. Sie lernt den auf Sansibar für ein Hamburger Handelshaus tätigen Kaufmann Heinrich Ruete kennen und sie verlieben sich. Salme wird schwanger und flieht nach Aden, wo sie auf Heinrich wartet und nach seiner Ankunft zum christlichen Glauben übertritt , ihn heiratet und den Namen Emily annimmt.
Das Kind stirbt auf der langen Reise nach Hamburg. Es ist für Emily sehr schwer, sich in Hamburg, dem Klima und den gesellschaftlichen Konventionen einzufinden. Innerhalb kurzer Zeit kommen ihre drei Kinder Antonie, Rudolph und Rosalie zur Welt. Einige Monate nach der Geburt Rosalies verunglückt Heinrich tödlich, und die Witwe wird unter Vormundschaft gestellt.
Die Verwalter veruntreuen einen Teil des Vermögens, und es beginnt der unaufhaltsame Abstieg in die Armut. Emily zieht mit ihren Kindern ins günstigere Dresden und dann nach Rudolstadt. Zweimal reist sie nach Sansibar, um ihren Halbbruder, den Herrscher von Sansibar, dazu zu bringen, ihr Erbe auszuzahlen und ihre Kinder als legitime Nachkommen des Herrscherhauses anzuerkennen.
Sie wird nicht empfangen, für die Familie ihrer Herkunft ist sie mit dem Übertritt zum Christentum gestorben. Die anfängliche Unterstützung der deutschen Regierung wird infolge des Helgoland/Sansibar-Vertrages 1890 eingestellt. Nach ihrer zweiten Reise kehrt sie nicht nach Deutschland zurück, sondern reist in den Libanon und lässt sich mit ihrer jüngsten Tochter in Beirut nieder. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist sie zu Besuch bei ihrer in Bromberg/Posen lebenden Tochter Rosalie, bleibt dort und zieht später mit der Familie nach Jena, wo sie 1924 schwer erkrankt und stirbt.
Der Roman schildert eindrucksvoll, was mit einem Menschen passiert, der Heimat, Familie, und den Kulturkreis verlässt.



Der Buchtipp für den März 2015, diesmal von Michaela Kube:

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken
Kein & Aber, € 13,00

Wüste, Vollmond, Landstraße: Das Cover von Ayelet Gundar-Goshens neuem Roman „Löwen wecken“ skizziert mit wenigen Linien das Ausgangssetting: Etan Grien, Neurochirurg in Israels Wüstenstadt Beer Sheva, überfährt einen illegalen Einwanderer aus Eritrea. Es ist nur eine Frage von Minuten, so weiß Grien als Arzt, bis der schwerst verletzte Mann sterben wird.
Die Möglichkeit, sich in den Jeep zu setzen und davonzufahren, steht mit einem Mal schlicht und klar in der Nachtluft – und Grien gibt dem Impuls nach. Doch bevor er am nächsten Morgen richtig begreift, was er getan hat, steht eine Eritreerin vor seiner Haustür, in der Hand das Portmonnaie, das Grien bei der Untersuchung des Unfallopfers aus der Hosentasche gefallen war.
Diese Zeugin, die Ehefrau des Getöteten, beginnt Grien zu erpressen: Für ihr Schweigen soll Grien nachts den übrigen illegalen eritreischen Einwanderern medizinische Hilfe leisten. Grien lässt sich darauf ein und führt fortan ein Doppelleben, das ihn allmählich ans Ende seiner Kräfte bringt: tagsüber der anstrengende Dienst im Krankenhaus, nachts die Behandlung der eritreischen Flüchtlingsgemeinde in einer verlassenen Garage.
Dazu das Misstrauen seiner Frau und seiner Kollegen, das nur mit immer neuen Lügen zerstreut werden kann. Zugleich ist Etan bei aller Wut zunehmend fasziniert von Sirkit, ihrem natürlichen Stolz und der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Machtposition ausfüllt: Sie wechselt einfach von der Seite derer, über die bestimmt wird, zur Seite derer, die bestimmen.
Ihre Wissbegier und das Geschick, mit dem sie ihm als medizinische Assistentin zur Hand geht, erinnern Etan an sich selbst als junger Arzt, und so entsteht im Lauf der gemeinsamen nächtlichen Arbeit eine ganz eigene Verbundenheit zwischen den beiden, in die auch gegenseitige erotische Anziehung mit hineinspielt. Diese brisante Situation verschärft sich noch, als Etans Frau Liat, die als höhere Kriminalbeamtin bei der Polizei arbeitet, mit der Aufklärung des Todes des eritreischen Illegalen betraut wird.
Als Angehörige der Bevölkerungsgruppe der Mizrachim, also der eher dunkelhäutigen Juden aus der arabisch/muslimischen Welt, weiß sie aus eigener Erfahrung, wie sich Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung anfühlen, und ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn lässt nicht zu, dass der Fall mit dem abgepressten Geständnis eines Beduinen-Jungen zu den Akten gelegt wird.

Trotz des hohen Spannungsfaktors ist „Löwen wecken“ kein Krimi. Gundar-Goshen liefert uns ein eindrückliches Bild der heterogenen israelischen Gesellschaft, der feinen Risse und tiefen Gräben, die sie durchziehen. Dabei sind die Figuren nie holzschnittartig gut oder böse - menschliches Verhalten, Gefühle und Beziehungen werden mit analytischer Genauigkeit in all ihrer Komplexität dargestellt.

Ayelet Gundar-Goshen, so lesen wir im Klappentext, lebt und arbeitet in Tel Aviv. Und zwar nicht nur als Autorin, sondern auch als Psychologin....
Wie es mit Sirkit, Etan, Liat und dem Beduinen-Jungen weitergeht? Lesen Sie selbst!



Der Buchtipp für den Februar 2015, diesmal von Christine Klindt-Schuster:

Lee Child – 61 Stunden
Blanvalet TB, 9,99 €

Jack Reacher, Ex-Militärpolizist ohne festen Wohnsitz, verschlägt es nach Bolton, ein Provinznest im US-Bundesstaat South Dakota. Der Bus, in dem er zusammen mit einer Reisegruppe von Senioren saß, war auf einer eisigen Straße ins Schleudern geraten und schließlich im Graben gelandet.
Reacher und seine älteren Mitreisenden werden halb erfroren von der örtlichen Polizei gerettet und erfahren zunächst freundliche Aufnahme im Städtchen. Doch schon bald ahnt Reacher, dass in Bolton etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Eine alte Dame hat eine Drogenübergabe beobachtet und wird als Kronzeugin von der örtlichen Polizei geschützt, was aber für die Ordnungshüter eine große Herausforderung darstellt. Reacher bietet seine Hilfe an und beginnt zu ermitteln. Er taucht ein in ein Dickicht von Korruption und organisiertem Verbrechen, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse allzu leicht verschwimmen.
Schon nach den ersten Seiten kann man sich der Spannung des Krimis nicht mehr entziehen. Der Autor lockt den Leser immer wieder geschickt auf falsche Fährten und spielt mit den Erwartungen. Zur dichten Atmosphäre des Thrillers trägt die eisige Winterstimmung in South Dakota bei – ewiger Schnee, eine Szenerie, die an Bilder aus dem Film „Fargo“ der Coen-Brüder erinnert.
Der Autor skizziert Jack Reacher als unorthodoxen Helden, einen einsamen Wolf, der von einem starken Gerechtigkeitssinn getragen wird. Lee Child versteht es, seiner Sprache einen guten Rhythmus zu geben, die Erzählung wechselt zwischen rasantem Zeitraffer und minutiöser Zeitlupe. Die knappen Dialoge sind genau richtig dosiert und klug eingesetzt.
Lee Child und sein Held Jack Reacher haben Suchtpotenzial, es sind inzwischen 15 Bände mit Jack Reacher als Ermittler erschienen. Ich war so in den Bann gezogen, dass ich nach der letzten Seite gleich den nächsten Band in Angriff genommen habe.



Der Buchtipp für den Januar 2015, diesmal von Claudia Borst:

Penelope Fitzgerald: Die Buchhandlung
Insel Taschenbuch, € 8,-

Noch nie hat mich der letzte Satz eines Romans so deprimiert und gleichzeitig empört! Ich werde ihn nicht verraten – nur soviel sei gesagt: bis zum Schluss hatte ich darauf gehofft, dass der kauzige alte Gönner vielleicht in seinem Testament Florence irgendwie geholfen und somit dem Buch ein Happy End beschert hätte...
Worum geht’s? Eine nicht mehr junge Frau, Florence, will nach dem Tod ihres geliebten Mannes nicht nur von dessen kleinem Erbe, sondern “aus eigenem Recht” existieren. Sie kauft und renoviert in einem ärmlichen kleinen Ort an der Ostküste Englands ein uraltes Haus und macht darin eine Buchhandlung auf.
Der Bankleiter will wissen, “was sie sich eigentlich davon (verspreche)” und ob sie hoffe, ihrer kleinen Stadt “einen brauchbaren Dienst” zu erweisen. Und in der Tat beobachten einige ihr Tun skeptisch, andere aber bewundern den unbeirrbaren Mut dieser offenen und unverblümt redenden Frau, die ein gutes Buch für “ein lebensnotwendiges Gut” hält, aber in ihrem Buchhandel selbstverständlich vor allem auch das bereithält, was von den Dorfbewohnern nachgefragt wird. Schlussendlich findet ihre Freundlichkeit jedoch in der einflussreichen, durchtriebenen Gattin eines reichen Ex-Generals ihren Meister...
Penelope Fitzgerald ist also keine Autorin von gefälligen Happy-End-Romanen – aber wie plastisch und authentisch die einzelnen Dorfbewohner – Erwachsene wie Kinder – vor unserem Auge erscheinen! Und wie großartig das soziale Gefüge in dem kleinen Ort! Nicht wenige der meist kurzen Szenen des Romans sind zum Schmunzeln komisch und absurd, andere von großer Härte und Traurigkeit, wobei die Sprache der Autorin immer klar, nüchtern und sparsam bleibt.
Der Insel Verlag hat den schon 1978 geschriebenen kurzen Roman gerade wieder als Taschenbuch vorgelegt: dankenswerterweise, finde ich, denn das ist ein Buch für Buchliebhaber und Liebhaber von Buchhandlungen, besonders wenn diese gefährdet sind. Sei es - wie hier - durch eine hinterhältige Kulturmächtige oder – möchte man heute hinzufügen – durch Weltmächte des Buchvertriebs...



Der Buchtipp für den Dezember 2014, diesmal von Traudl Reinhardt:

Felicitas Mayall: Zeit der Skorpione
Rowohlt Taschenbuch, € 9,99

Auch in ihrem achten Krimi „Zeit der Skorpione" stellt Felicitas Mayall ihre Münchner Kommissarin Laura Gottberg und ihren Freund, den italienischen Commissario, wieder in den Mittelpunkt eines spannenden Kriminalfalls. Dieses Mal knöpft sich die Autorin all die kleinen Gefälligkeiten und Erpressungsversuche vor, die die Ermittlungen ihres Gespanns in den italienischen und auch deutschen Bankenkreisen begleiten. Natürlich kommen aber auch neben dem Fall die persönlichen Belange von Laura und Angelo nicht zu kurz.
Wie es mit den beiden weitergeht?

Wieder einmal ein gescheiter und sprachlich gewandter Krimi, der sehr zu empfehlen ist!



Der Buchtipp für den November 2014, diesmal von Gabriele Oberdorfer:

Lily Brett: ‚Lola Bensky‘,
Suhrkamp Verlag, Taschenbuch € 9,99

Lola Bensky, 19 Jahre alt, ohne Schulabschluss, wird von einem australischen Rockmagazin nach London, später nach New York zum "Monterey Pop Festival" geschickt, um Interviews mit den Rockgrößen dieser Zeit zu führen. Sie unterhält sich mit z.B. Jimi Hendrix, Mick Jagger, Keith Moon, Cher, Janis Joplin und und und.
Durch ihre naive und unkonventionelle Art werden diese Interviews zu sehr persönlichen Gesprächen und zugleich wird Lolas eigene Lebensgeschichte erzählt. Als Tochter polnischer Juden, die Auschwitz überlebt haben, wird sie in einem Lager für ‚Displaced Persons‘ in Deutschland geboren. Ihre Eltern wandern kurz nach ihrer Geburt nach Australien aus, nehmen ihr Trauma mit und geben es an die Tochter weiter.
Der mit viel Selbstironie und sehr viel Komik erzählte Roman ist eine Hommage an die Roaring Sixties und wie die bereits vorher erschienen Bücher Lily Bretts stark autobiographisch.



Der Buchtipp für den Oktober 2014, diesmal von Sabine Giacalone:

Leonardo Padura: »Ketzer«
Unionsverlag, € 24,95

Im Mai 1939 fährt die MS St. Louis, ein Linienschiff der Hapag-Reederei Hamburg, in den Hafen von Havanna ein. An Bord befinden sich 937 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Der achtjährige Daniel Kaminsky wartet, voll Vorfreude auf ein Wiedersehen mit seiner Familie, zusammen mit seinem Onkel an Land und sieht Vater, Mutter und Schwester winken.
Mit einem Bild von Rembrandt, seit Generationen im Besitz der Familie, hoffen diese, sich freikaufen zu können. Doch die Einreise wird den Passagieren an Bord verweigert, und das Schiff fährt über Umwege zurück nach Europa. Daniel Kaminsky wird seine Familie nie wiedersehen.
Als im Jahr 2007 das von Daniel Kaminsky verloren geglaubte Bild von Rembrandt als Sensation auf dem Kunstmarkt bei einer Auktion in London wieder auftaucht, beauftragt Elias Kaminsky, Daniels Sohn, den Expolizisten Mario Conde, sich auf die Suche nach den Geheimnissen des Christusbildes und der Familie Kaminsky zu machen. Die Spur zieht sich um die halbe Welt und führt Mario Condes Ermittlungen durch die Jahrhunderte, beginnend in Amsterdam des Jahres 1648 über Kuba wieder zurück nach Europa.

»Ketzer« ist Krimi, historischer Roman und Gesellschaftsportrait in einem. Als Verbindung zwischen den einzelnen Epochen und Genres stellt Leonardo Padura die Frage nach der Freiheit. Der Freiheit des Einzelnen und der Freiheit innerhalb von Gesellschaft und Religion.
Mit seinen facettenreichen und individuellen Protagonisten ist »Ketzer« ein großartiger, hervorragend recherchierter und gehaltvoller Roman, der mühelos zwischen den Zeiten pendelt und dabei eine der großen Fragen des Menschseins aufgreift.



Der Buchtipp für den August 2014, diesmal von Leserin Cahora (14):

Emmy Abrahamson: Mind the gap! Wie ich London packte (oder London mich)

Reihe Hanser, dtv 12,95 €

In einer schönen WG mit netten Mitbewohnern leben, viele Freunde haben, sich einen coolen Typen schnappen, an der Royal Drama School studieren und später eine erfolgreiche Schauspielerin werden - so dachte sich die 18-jährige Filippa Karlsson das, als sie von ihrem Heimatland Schweden alleine nach London zieht. Doch es kommt ein wenig anders...
Ihre erste WG entpuppt sich als regelrechte Bruchbude, in der sie sich ein Zimmer mit einem... naja, sagen wir gewöhnungsbedürftigen Mädchen teilen muss, Freunde zu finden stellt sich als ziemlich schwer heraus; als endlich mal ein „cooler Typ“ auftaucht, verarscht er sie nur.
Und als wäre das noch nicht genug, erweist sich die Bewerbung an der Schauspielschule als komplizierter als gedacht, so dass sie sich vorübergehend einen Job suchen muss, bei dem sie sich aber die tägliche Piesacke ihrer Vorgesetzten gefallen lassen muss.
Doch sie sieht das alles nicht so eng und letztendlich wandelt sich alles - langsam aber sicher - zum Guten. Sie zieht um, und diesmal ist das Einzige, was Filippa an der WG auszusetzen hat, der zwielichtige Vermieter - der später aber hinter Gittern landet. Sie lernt nette Leute kennen und wird zu guter Letzt an der Royal Drama School angenommen.
Meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Buch, mit viel Witz und Charme geschrieben, das meist viel Spaß macht zu lesen. Es bringt viele interessante Fakten über die Stadt London, seine Stadtteile und - z.T. Recht eigenartigen - Bewohner. Es gibt noch zwei weitere Bände, so dass man sich auf weitere humorvoll erzählten Abenteuer von Filippa und somit guten Lesestoff freuen kann.
Have a nice day!



Der Buchtipp für den August 2014, diesmal von Mitarbeiterin Gabriele Oberdorfer:

Keigo Higashino: "Verdächtige Geliebte"
Piper Verlag, € 9,99

Yasuko wird von ihrem gewalttätigen Ex-Mann bis in ihre Wohnung verfolgt, wo sie ihn mithilfe ihrer Tochter tötet. Die einzige gewalttätige Szene in diesem Roman.
Es klingelt an der Tür und Yasukos Nachbar, der Mathematiklehrer Ishigami, der heimlich in sie verliebt ist, steht vor der Tür. Ishigami hat sich diesen Mord zusammengereimt, bietet seine Hilfe an und knobelt einen Plan aus, wie die beiden Frauen ungeschoren davon kommen können.
Der ermittelnde Kommissar diskutiert knifflige Fälle gerne mit einem befreundeten Physiker. Wie sich herausstellt, kennen sich der Physiker und der Mathematiker aus Studientagen und galten beide als Genies ihres Faches.
Ist Ishigamis Plan so perfekt, dass er seinen ehemaligen Studienkollegen, der ebenfalls eine präzise Kombinationsgabe besitzt, übertrumpfen kann? Hinzu kommen Yasukos Zweifel, wie weit sie sich durch Ishigamas Hilfe in seine Hände begeben hat.
Ein spannender, raffinierter Roman zum Mitdenken. Der Autor Keigo Higashino wurde 1958 in Osaka geboren. Er hat für seine Romane einige Preise erhalten, unter anderen das japanische Pendant zum ‚Edgar Allan Poe - Preis‘.



Der Buchtipp für den Juli 2014, diesmal von Mitarbeiterin Diane Gill:

Robert Seethaler: „Der Trafikant“
Verlag Kein und Aber, € 9,90

Franz, der 17-jährige Lehrling aus Oberösterreich, soll im Jahr 1938 mitten in Wien in einer Trafik lernen, die Zeitungen zu ordnen: da, als gerade politisch alle Ordnung auseinanderbricht. Eine Trafik ist ein Tabak- und Zeitschriftenladen. Robert Seethaler zeichnet mit der Szene ein Bild zu dieser gewichtigen Zeit. Dieses Bild steht für sich alleine und spricht dabei Bände. Der Leser mag sich zudem zu der heute nicht mehr existierenden Berufsausbildung denken, dass - auch so - Wandel beschrieben werden kann.
Der Lehrling Franz lernt bei seiner Tätigkeit in der Trafik einen passionierten Zigarrenraucher und Stammkunden kennen, niemand anderen als Sigmund Freud. Der 17-jährige und der große Psychologe nähern sich in Gesprächen über Frauen einander an, denn Franz hat sich in eine Varietétänzerin verliebt und sucht Rat. Dass hierbei eine große Freundschaft entsteht – nimmt man als Leser Robert Seethaler ab.
„Der Trafikant“ ist eine gänzlich unaufgeregt erzählte Geschichte, die jedem Leser etwas mitgibt. Der historisch Interessierte erfährt ein Stück Zeitgeschichte von einer neuen Warte, der psychologisch Interessierte liest von einer ungewöhnlichen Freundschaft, die man zunächst nie für möglich hält. Auch die Liebe erhält ihren Platz.
Mich hat die Einfachheit der Erzählweise bei allem am meisten fasziniert. Diese große Kunst beherrscht Seethaler ohne jeden Zweifel.



Der Buchtipp für den Juni 2014, diesmal von Praktikant Daniel Oberhofer (17 Jahre):

Melissa Keil: Der Beweis, dass es ein Leben ausserhalb meines Zimmers gibt

cbt Verlag, 8,99 €

Melissa Keil erzählt die Geschichte des Jugendlichen Sam, der zusammen mit seinen Freunden nichts lieber macht als sich Horrorfilme anzuschauen. Doch seine Welt verändert sich, als Camilla in sein Leben tritt, welche sich zu seiner Verwunderung für ihn und seine "Nerd-Welt" zu interessieren scheint.
Durch die meist lustig eingebauten Filmzitate und Filmanspielungen sowie durch die ausgefeilte Persönlichkeit des Protagonisten und die seines Freundeskreises bekommt das Buch einen angenehmen Charme. Das einzige Problem ist, dass man viel Hintergrundwissen über verschiedene Filme benötigt, welches beim Fehlen zu Verständnislücken führt.
Das Buch überzeugt mit seiner lustig ausgearbeiteten Geschichte, die an manchen Stellen auch Tiefgang bietet, und ist ab Oktober 2014 erhältlich, was bedeutet, dass Ihr nicht mehr lange darauf warten müsst.



Der Buchtipp für den Mai 2014 diesmal von Sabine Giacalone:

Toni Jordan: »Die schönsten Dinge«
ISBN: 978-3-492-30240-1 Verlag: Piper Preis: € 9,99

Ella Canfield ist eine kluge, engagierte und attraktive Wissenschaftlerin mit Leib und Seele. Als Evolutionsbiologin forscht sie über ausgestorbene Tiere wie den Tasmanischen Tiger.
Ella weiß, was sie will und hat endlich den idealen Geldgeber für ihr Projekt gefunden: Daniel Metcalf, den gutaussehenden und schwerreichen Vorsitzenden der Metcalf-Stiftung. Daniel interessiert sich brennend für Unternehmungen wie das von Ella.
Was er leider nicht ahnt, ist, dass Dr. Ella Canfield in Wirklichkeit Della Gilmore heißt und ihren Lebensunterhalt als äußerst talentierte Betrügerin verdient. Aber auch Della rechnet nicht damit, dass dies wider Erwarten kein ganz gewöhnlicher Coup werden wird.

Die australische Autorin Toni Jordan erzählt sehr unterhaltsam und originell von einer ganz besonderen und erfrischend anderen Liebes- und Gaunerkomödie mit unerwarteten Wendungen um Schein und Sein und raffiniertem Betrug im großen Stil.



Der Buchtipp für den April 2014, diesmal von Claudia Borst:

Christoph Poschenrieder: Das Sandkorn
Diogenes Verlag. 2014

Zwei junge Kunsthistoriker, die in der Zeit unmittelbar vor und nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Italien archäologische Forschungen auf den Spuren Kaiser Friedrichs II. betrieben, sind die historische Grundlage dieses vielschichtigen Romans, dessen Stil und reiche Sprache mir sehr gefallen haben.
In seinem Mittelpunkt steht - neben dem Forschungsauftrag, der Bestandsaufnahme aller italienischen Kastelle des Stauferkaisers, - die sehr unsichere und diskrete Annäherung zwischen den beiden sensiblen jungen Männern - in einer Zeit, da Homosexualität noch unter Strafe stand und auch gesellschaftlich absolut verdammt wurde. Das Auftauchen einer sehr selbständigen schönen Italienerin in ihrem Team macht diese Entwicklung noch komplizierter.
Im berühmten achteckigen Castel del Monte nimmt sowohl das innere Geschehen als auch die politische Realität eine dramatische Wende, was Jacob, den Leiter der Exkursion, zurück in seine Heimatstadt Berlin führt und mit seiner Vergangenheit konfrontiert, vor der er durch den Forschungsauftrag hatte fliehen wollen.

Zum Welttag des Buches 2014 präsentiert der Echinger Bücherladen diesen soeben erschienenen Roman des in München lebenden Christoph Poschenrieder mit einer Lesung am 30. April im Kellertheater des Bürgerhauses.

Der 1964 in den USA geborene Autor studierte in München Philosophie und absolvierte in New York die Journalistenschule. Sein erster Roman (2010) wurde sehr positiv aufgenommen.



Der Buchtipp für den März 2014, diesmal von Kundin Sandra Schichtl (18):

Anna Seidl: „Es wird keine Helden geben“
Oetinger Verlag. 14,95 €

Miriam ist 15, glücklich verliebt, beliebt und genießt ihr Leben in vollen Zügen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was die Zukunft bringen könnte. Doch dies ändert sich schlagartig und brutal, so dass von ihrem bisherigen Leben nichts weiter als ein paar Scherben übrig bleiben.
Es geschieht an einem ganz normalen Tag, nichts deutet auf eine Tragödie hin, als sich Miriam mit einer Freundin auf dem Weg zum Sekretariat befindet. Doch dann hören sie es: Ein Schuss. Dann noch einer. Wie alle anderen auch ist Miriam verwirrt, verängstigt und tut das einzig Mögliche: Sie versucht sich zu verstecken.
Miriam wird überleben, doch verliert sie fast alles, was sie bis dahin ausgemacht hat. Damit beginnt die Geschichte einer Heldin, die eigentlich gar keine Heldin ist.
Für mich ist „Es wird keine Helden geben“ von Anna Seidl ein Buch, das man in Zukunft bei der Behandlung des Themas „Amoklauf“ nicht mehr missen sollte. Es ist endlich einmal ein Werk, das sich weniger mit dem Täter, sondern vielmehr mit den Opfern dieser Tat befasst, es zeigt die intensive Auseinandersetzung mit den Folgen für die Überlebenden, mit Schuld und Trauer, schonungslos aus der Sicht eines jungen Mädchens erzählt, die ihr früheres, ihr kindlich naives Ich verloren hat.
Nun steht sie vor einem Scherbenhaufen und vor Fragen, bei denen sie die Antwort fürchtet. Wie soll sie weiterleben, wenn doch Freunde von ihr tot sind? Wie soll sie ihre Trauer verarbeiten, darf sie das überhaupt, oder wäre das Verrat an den Toten? Und wieviel Schuld trägt sie selbst an dem Unglück?
Bei der Beantwortung dieser Fragen erlangt der Leser einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt Miriams, die mit sich selbst kämpft, um einen neuen Platz im Leben zu finden. Dabei spielt auch ihre Clique von Freundinnen und ihre Familie eine Rolle.
Leider wurden deren Charaktere nur sehr oberflächlich beschrieben, so dass man hier kaum einen Zugang findet. Dafür ist Miriams Gedankenwelt umso überwältigender, sie reißt einen mit in ihrer Entwicklung, die allerdings manchmal ein wenig zu viel des Guten aufweist. So gibt es jede Menge Lebensweisheiten, die für eine Fünfzehnjährige schon erstaunlich sind, und auch die Schnelligkeit ihrer Trauerbewältigung gegen Ende war, sagen wir, beachtlich.
Auch mit diesen kleinen Mängeln hat mich das Buch trotzdem stark berührt. Denn Mobbing ist etwas, das wohl jeder schon einmal hautnah miterlebt hat, ob nun in der Rolle des Täters, der des Opfers oder einfach als Zuschauer.
Insgesamt kann ich dieses Buch also an alle, egal ob Jugendliche oder Erwachsene, weiterempfehlen. Es ist ein absolut gelungener Debütroman der damals erst sechzehnjährigen Anna Seidl über Trauer, Freundschaft, Verlust, Liebe, Zuversicht und nicht zuletzt Verzeihen, sich selbst und anderen.



Der Buchtipp für den Februar 2014, diesmal von Traudl Reinhardt:

Francesca Melandri: Eva schläft
Heyne Verlag , € 9.99

Francesca Melandris episch breiter Roman umspannt die Geschichte Südtirols von 1919 bis 1992 und schildert die Familiengeschichte um Gerda, Tochter armer Bergbauern, während einer kämpferischen Zeit, in der man ein Volk systematisch vereinnahmen wollte.
Gerda erwartet ein uneheliches Kind und wird von ihrer Familie verstoßen. Nur der Hilfe eines Chefkochs in Meran ist zu verdanken, dass Gerda als Hilfsköchin arbeiten kann. So schläft Eva, das Neugeborene, in einer Apfelkiste.
Nachdem Eva laufen kann, muss Gerda sie anderweitig unterbringen, nur eine Großfamilie ist bereit, das Kind aufzunehmen. Hier wird sie aufwachsen ohne ihre Mutter. Trotz aller Entbehrungen ist die Mutter-Kind-Beziehung voller Liebe.
Gerda verliebt sich in den Carabiniere Vito, der auch Eva Vater sein möchte. Seine Beziehung zu Gerda verstößt allerdings gegen die Dienstvorschriften und er wird aus dem Staatsdienst entlassen. Er geht aufgrund Gerdas Ablehnung nach Kalabrien zurück, doch Eva liebt ihn ihr Leben lang.
Als Erwachsene reist sie an sein Sterbebett und während der langen Zugfahrt durchlebt sie ihre Kindheit und beschreibt die italienischen Landschaften.
Francesca Melandri verknüpft geschickt die Geschichte von Gerda und Eva mit der kriegerischen Geschichte Südtirols, von der wir als Reisende heute nichts mehr spüren, wenn wir durch die wunderbare Berglandschaft fahren.
Ein spannender Roman!



Der Buchtipp für den Januar 2014, diesmal von Eva Schwimmbeck:

Anna Stothard: Pink Hotel.
Diogenes Verlag, 10,90 €

Nachdem die 17-jährige Ich-Erzählerin vom Tod ihrer Mutter erfährt, begibt sie sich auf deren Spurensuche nach Los Angeles. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste sie von ihrer Mutter nicht mehr, als dass sie als Dreijährige von ihr verlassen wurde und aus ihrem Leben verschwand.
Diese Reise lässt sie nicht nur dem Leben der Mutter näherkommen, vielmehr gelingt es der Protagonistin immer mehr, der Orientierungslosigkeit des Heranwachsens entgegenzutreten und ihre eigene Persönlichkeit zu finden.
„Pink Hotel“ ist eine Art Roadmovie, in dem das Finden und Ankommen bei sich selbst und auch das Erleben der ersten Liebe eine Rolle spielt. Dabei ist der Roman nicht von „großen Gefühlen“ durchzogen, eher von ungeschönter Realität und schafft es dennoch oder gerade deswegen, einen in den Bann zu ziehen, mitzufühlen und darüber hinaus im Gedächtnis zu bleiben.

Anna Stothard, geboren 1983 in London, wuchs in Washington, Peking und New York auf und studierte unter anderem zwei Jahre in Los Angeles. Sie war mit „Pink Hotel“ für den Orange Prize for Fiction nominiert, einem Literaturpreis, der seit 1996 jährlich vom britischen Telekommunikationsanbieter Orange verliehen wird und einen in englischer Sprache von einer Frau geschriebenen Roman auszeichnet.



Der Buchtipp für den Dezember 2013, diesmal von Kundin Milena Mandausch, 15 Jahre:

Antonia Michaelis:
Nashville oder das Wolfsspiel

Svenja zieht zu Beginn ihres Medizinstudiums nach Tübingen in ihre erste eigene Wohnung. Dort findet sie - auf dem Kopf im Küchenschrank stehend - einen verwahrlosten, stummen Jungen, den sie nach dem Aufdruck seines T-Shirts "Nashville" nennt. Obwohl sie schon genug Probleme mit den alltäglichen Schritten in die Selbstständigkeit hat, kann und will sie den Jungen nicht abgeben.
Keiner scheint ihn zu vermissen, und die wenigen Versuche, die sie startet, Hilfe bei sozialen Einrichtungen zu suchen, kommentiert der Junge dadurch, dass er mühsam errungenes Vertrauen wieder verliert und sich in sich zurückzieht. Also fügt sich Svenja in ihre Rolle als Ziehmutter und versucht den Jungen und sich so gut es geht durchzubringen.
Als einige Tage später eine unbekannte weibliche Leiche im Wald gefunden wird, geht es jedoch nicht mehr nur um einen obdachlosen Jungen, sondern um ein Spiel um Leben und Tod. Die Frau im Wald bleibt nicht lange die einzige Leiche in Tübingen...

Für mich ist "Nashville oder Das Wolfsspiel" das erste Buch von Antonia Michaelis,, und ich muss als erstes ihren Umgang mit der Sprache loben. Ihre Erzählweise ist sogartig und poetisch, selbst, wenn sie ganz alltägliche Szenen beschreibt oder nichts sonderlich Spektakuläres geschieht.
Sehr gut gefallen haben mir außerdem die Darstellung von Vertrauen und Freundschaft in diesem Buch. Die Autorin zeigt, dass es sehr lange dauert, bis sich Vertrauen aufbaut, es aber in Sekundenschnelle wieder zerstört werden kann.
Übertrieben und unreflektiert finde ich den Anteil der Szenen körperlicher Liebe und den Umgang der jungen Erwachsenen mit Alkohol und Drogen. Insgesamt eine sehr spannende und lohnende Lektüre für junge Erwachsene.



Der Buchtipp für den November 2013, diesmal von Claudia Borst:

Hanns-Josef Ortheil:
Liebesnähe
btb Taschenbuch 2013. € 9,99

Gleich vorweg: dies ist - wie der Titel vermuten lässt - kein Buch für Liebhaber von schneller, spannungsreicher Handlung oder historisch-politischen Bezügen...
Sich Zeit lassen, Intensität und Schönheit genussvoll erleben, mit Kunst umgehen: das sind Stichworte, die sich nach der Lektüre dieses bewegenden Romans bei mir einstellen. Der Leser wird Zeuge, wie sich große Liebesnähe und intensive Freundschaft dadurch entwickeln, dass sich Menschen im Vertrauen auf die Richtigkeit ihrer Gefühle Zeit lassen im Umgang miteinander.
Vor der Kulisse von Schloss Elmau in all seiner landschaftlichen Schönheit (und sozialen Privilegiertheit!) und mit vielen Bezügen zu München und seiner Kunstszene ereignet sich die nicht zufällige Begegnung zwischen einer Buchhändlerin, einem Schriftsteller und einer Performance-Künstlerin.
Der Schriftsteller und die junge Künstlerin fühlen sofort eine magische Anziehung und nähern sich einander über kleine Botschaften und Zitate aus Kunst und Musik - ohne jedoch miteinander zu reden... Schlüsselfigur ist dabei die beiden eng vertraute Buchhändlerin.
Wie alle drei langsam erkennen, verbindet sie ein gemeinsames einschneidendes Erlebnis: der Verlust eines sehr wichtigen Menschen. Ungestört durch Alltag oder Ablenkungen der Großstadt nehmen sie die Möglichkeit wahr, sich auf ihr inneres Geschehen zu konzentrieren und sich einander zu öffnen. Ihre Lebens- und Schaffensblockaden beginnen sich zu lösen - wunderbare Lektüre also für Leser, die es spannend finden, in Gedanken- und Gefühlswelten anderer einzutauchen (und die gern etwas über die Motivation einer sehr sympathischen Schloss-Buchhändlerin erfahren wollen - die sie womöglich mit vielen ihrer Kolleginnen teilt!).
Sie werden sich an dem inneren Reichtum und der lebendigen, rhythmischen Sprache von Ortheil erfreuen.
Hanns-Josef Ortheil ist 1951 in Köln geboren, Autor zahlreicher Romane, für die er viele Literaturpreise erhielt. Mein Favorit bisher: "Die Erfindung des Lebens", 2009 erschienen.



Der Buchtipp für den Oktober 2013, diesmal von Bücherladen-Mitarbeiterin Gabriele Oberdorfer:

Die Tigerfrau
von Téa Obreht
Rowohlt Verlag
Taschenbuch € 9,99

Die Autorin, Jahrgang 1985, lebte bis zu ihrem siebten Lebensjahr mit ihrer Mutter in Belgrad. Als im ehemaligen Jugoslawien der Bürgerkrieg ausbrach, zogen sie über verschiedene Zwischenstationen nach Kalifornien. Ihr Debütroman wurde in den USA und England ein großer Überraschungserfolg und erhielt 2011 den ‚Orange Prize for Fiction‘.
Erzählt wird die Geschichte der jungen Ärztin Natalie, die mit einer Studienfreundin unterwegs ist, um Impfstoffe für Kriegswaisen in einem Kloster des ehemaligen Jugoslawien abzuliefern. Sie erfährt in einem Telefonat mit ihrer Großmutter, dass ihr Großvater, ein bekannter Chirurg und eine Art Ersatzvater, in einem Krankenhaus in der Nähe von Natalies Reiseziel gestorben ist.
Auf dem Weg zum Krankenhaus, um die persönlichen Sachen des Großvaters abzuholen, ohne die eine Bestattung nach verbreitetem Aberglauben nicht möglich ist, erinnert sie sich der fantastischen Geschichten, die der Großvater während ihrer häufigen Zoobesuche erzählte. Zum Beispiel durchpflügt eine Großfamilie einen Weinberg, weil ein dort unkorrekt bestatteter Verwandter alle krank macht oder die von einem Mann der mit der Unsterblichkeit bestraft wird.
Wie viel Wahrheit in diesen phantastisch-märchenhaften Erzählungen steckt – kann jeder Leser für sich herausfinden. Eine Mischung aus Moderne und Mythologie macht die Faszination dieses Buches aus.



Der Buchtipp für den September 2013 vom 'Echinger Bücherladen', diesmal von Bücherladen-Mitarbeiterin Sabine Giacalone:

Jessica Durlacher: »Der Sohn«
Diogenes Verlag, Preis: € 12,90

Als Sara Silverstein unter der Schreibtischplatte ihres verstorbenen Vaters eine alte, noch immer geladene Pistole findet, sind sie und ihre Familie längst Opfer einer Kette von unfassbaren Grausamkeiten geworden, deren Zusammenhang sie nicht begreift. Nach und nach erkennt sie, dass ihre Familie von einem Täter bedroht wird, der in eine alte Geschichte von Hass, Schuld und Opferrolle verstrickt ist.
Und als wäre das nicht genug, eröffnet ihr 18-jähriger Sohn Mitch seiner Familie, dass er die Niederlande verlassen wird, um sich in den USA zum Afghanistan-Kämpfer ausbilden zu lassen.

Jessica Durlacher beschreibt meisterhaft und außerordentlich spannend den Alptraum, dem sich die Familie Silverstein ohne Vorwarnung ausgesetzt sieht. Ohne zu wissen warum, ändert sich das Leben der gesamten Familie von einem Tag auf den anderen. Nur langsam lichtet sich das Dunkel, und es verdeutlicht sich die schreckliche Gewissheit, dass man die, die man liebt, nicht immer beschützen kann.

Ein herausragender Roman zwischen Familientragödie und Thriller, der unter die Haut geht.



Der Buchtipp für den August 2013, diesmal von Bücherladen-Mitarbeiterin Eva Schwimmbeck:

Don Winslow: Manhattan.
Suhrkamp Verlag, € 9,99

New York, kurz vor Weihnachten 1958: der Ex-CIA-Agent Walter Withers, jetzt bei einer Privatdetektei tätig, wird zum Schutz für den jungen Senator und Präsidentschaftsanwärter Joe Keneally und dessen Frau engagiert. Dies bringt ihn nicht nur dem Glamour der High-Society nahe, sondern katapultiert ihn innerhalb kürzester Zeit mitten in eine Verschwörung, die sich als weit verstrickter erweist, als es zunächst scheint. Letztendlich wird er selbst zur Zielscheibe...
Dieses Werk Don Winslows, das bereits 1997 in einer deutschen Ausgabe erschien, wurde nun neu aufgelegt. Weniger rasant und gewalttätig als beispielsweise " Tage der Toten" oder "Zeit der Zorns" (2012 unter dem Titel "Savages" verfilmt), ist dies ein wunderbar zu lesender Kriminal- und Spionageroman, der vor allem auch durch seine spannenden und unterhaltenden Einblicke in den Zeitgeist und das kulturell-gesellschaftliche Leben New Yorks Ende der Fünfziger Jahre besticht.



Der Buchtipp für den Juli 2013, diesmal von Laurin Giacalone (12 J.):

Die Spione von MYERS HOLT - Eine gefährliche Gabe
von Monica M. Vaughan
dtv junior, € 14,95

In dem Buch geht es darum, dass der 12-jährige Chris Lane bei einem Test für eine Hochbegabtenschule qualifiziert wird, MYERS HOLT. Dort lernt er seine geheimnisvolle Fähigkeit, die „GABE“, zu nutzen. Er kann in anderer Leute Gedanken eindringen und sie dazu bringen, dass sie etwas machen, das sie sonst nie tun würden.
Mit fünf weiteren Schülern wird er darauf vorbereitet, den Premierminister beim Antarktisball zu schützen, weil eine mysteriöse Reihe von Attentaten auf ehemalige Spione von MYERS HOLT die Stadt erschüttert. Beim Antarktisball kommt es zum großen Finale zwischen Chris und dem Attentäter…
Mir hat das Buch gut gefallen, besonders der Gedanke daran, dass wir im 12. oder 13. Lebensjahr unsere „GABE“ verwenden können. Der Inhalt ist spannend und arbeitet auf einen noch spannenderen und interessanteren Höhepunkt hin



Der Buchtipp für den Juni 2013, diesmal von Traudl Reinhardt:

D Dirk Kurbjuweit: "Angst"
Rowohlt Verlag. März 2013, EURO 19,95, II ISBN 9793871347290

Die Geschichte beginnt mit dem Besuch Randolph Tiefenthalers bei seinem Vater im Gefängnis. Der Vater war schon immer ein Waffennarr, und Tiefenthaler ist mit der Bedrohung aufgewachsen, für unrechtes Tun erschossen zu werden. Die Angst begleitet begleitet seine Kindheit und lässt ihn zum überzeugten Pazifisten werden.
Nun lebt Tiefenthaler mit Frau und Kindern in Berlin. Er hat als Architekt gute Aufträge und kann sich den Kauf einer Altbauwohnung leisten. Der friedliche Alltag verläuft ungestört, bis ein psychisch gestörter Nachbar beginnt, Tiefenthalers Frau zu belästigen und die Eheleute des Missbrauchs bezichtigt. Tiefenthaler rechnet mit der Hilfe des Rechtstaats, fühlt sich dann aber alleingelassen. Ein Alptraum beginnt!
In In diesem spannenden Psychogramm hält der Leser den Atem an, es stimmt ihn aber auch nachdenklich. Wie kann sich ein unbescholtener Bürger schützen? Gibt der Besitz von Waffen Sicherheit? Wie ist es um unseren Rechtsstaat bestellt?



Der Buchtipp für den Mai 2013, diesmal von Sabine Giacalone:

Matt Beynon Rees: “Der Verräter von Bethlehem”

Omar Jussuf arbeitet als Geschichtslehrer für Muslime und Christen in einem Flüchtlingscamp in Bethlehem. Er ist ein bescheidener, wenn auch streitbarer Idealist. Als seinem Lieblingsschüler Saba, einem Christen, unterstellt wird, er sei an einem Attentat an einem führenden palästinensischen Widerstandskämpfer beteiligt gewesen, ist niemand an der Wahrheit interessiert. So ist es Omar sich selbst und Saba schuldig, den wahren Verräter von Bethlehem zu finden.
“Der Verräter von Bethlehem” ist der Auftakt der Kriminalromane um den palästinensischen Lehrer Omar Jussuf. Packend, und informativ erzählt Matt Beynon Rees von dem Kampf um Gerechtigkeit in einer von Gewalt und Verrat gezeichneten Welt. Die brisante politische Lage zeigt er psychologisch einfühlsam auf und vermittelt neben einer sehr spannenden Kriminalgeschichte ein Gefühl für die komplizierten politischen und menschlichen Umstände in Gaza.
Der Autor war lange Jahre Jerusalemer Bürochef der “Time”, für die er weiterhin schreibt, und lebt mit seiner Familie in Jerusalem.